Pädagogik
Zum Geleit
Eine Gesellschaft offenbart sich nirgendwo deutlicher, als in der Art und Weise, wie sie mit ihren Kindern umgeht. Unser Erfolg muss am Glück und Wohlergehen unserer Kinder gemessen werden, die in einer jeden Gesellschaft zugleich die wunderbarsten Bürger und deren größter Reichtum sind.
Nelson Mandela (bei einer feierlichen Eröffnung eines Waldorfkindergartens in Südafrika)
Die Anerkennung des Kindes als eigenständiges Wesen schließt die Achtung der Würde und der Rechte des Kindes, unabhängig von Gesundheit oder Behinderung, Geschlecht, Hautfarbe, Sprache, Religion, sozialem Status oder Weltanschauung der Eltern, mit ein.
Jedes Kind hat in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschriebene Rechte, die sich als „ein Recht auf Kindheit“ zusammenfassen lassen. Unter heutigen Umständen finden die Kinder jedoch zu oft nicht den Raum, einfach „nur“ Kind zu sein. Die Kindheit, als fundamentaler Entwicklungs- und Lebensabschnitt, braucht einen schützenden Rahmen, den es zu gestalten, zu pflegen und zu bewahren gilt. Das stellt einen Kulturauftrag dar, den wir in unserem Waldorfkindergarten für die Gesellschaft erfüllen.
Leitbild
In unserem Kindergarten finden die Kinder einen Lebensraum, in dem sie ihre eigene Persönlichkeit in einem förderlichen Rahmen frei entfalten können.
Die gemeinsame Arbeit an diesem kindgemäßen und ganzheitlich gesundheitsfördernden Raum für das Kind steht im Mittelpunkt unseres Wirkens.
Die Grundlage unserer Arbeit ist die von Rudolf Steiner entwickelte Anthroposophie. Sie bildet eine schier unerschöpfliche Quelle, aus der wir uns das Bild vom Kind, als geistiges, seelisches und körperliches Wesen erarbeiten.
Die Gemeinschaft des Kindergartens mit seinen Familien, Mitarbeitern, Pädagogen und dem Vorstand hegt einen Umgang des gegenseitigen Respektes und der Wertschätzung des Einzelnen.
In Ehrfurch begegnen wir der Natur.
Bild vom Kind
Wir betrachten das Kind als eine Ganzheit von Körper, Geist und Seele. Es begegnet uns in ihm eine Individualität, die sich hier auf der Erde ihren Weg bahnt.
Für seine Entwicklung trägt es eine keimhafte Anlage in sich, die es in einer ihm zugewandten und liebevollen menschlichen Umgebung entfalten möchte. Das äußert sich in dem einzigartigen Handlungs- und Gestaltungswillen, mit dem das Kind in eine Wechselwirkung mit seiner Umwelt tritt.
Mit der ersten Lernkraft des Kindes, der Nachahmung, ist es ihm möglich, nach und nach seine Entwicklungsschritte zu gehen und seine Fähigkeiten und Potentiale zu entfalten.
Als Kindergärtnerinnen wirken wir mit unserem Denken und Handeln in die Entwicklung des Kindes hinein und sind uns der Verantwortung als Vorbild für das Kind bewusst.
Pädagogik im Kindergarten Elementarbereich
Beziehung
Unsere von Achtung, Respekt und Liebe durchzogene Sicht auf das Kind bildet das Fundament für eine verlässliche und tragfähige Beziehung mit ihm. Die Möglichkeit zur Erziehung erwächst immer erst aus einer solchen Beziehung. Im festen Gruppenverband ist es uns möglich, eine Bindung zum Kind aufzubauen. Dabei ist es bedeutsam, dass wir ein vertrauensvolles, erziehungsgemeinschaftliches Verhältnis zu den Eltern pflegen.
Nachahmung und Vorbild
Von Geburt an besitzt das Kind in den ersten etwa sieben Lebensjahren die Lernkraft der Nachahmung. Das Kind ist noch offen seiner Umwelt hingegeben. Es nimmt das Geschehen in seiner Umgebung, insbesondere der menschlichen, mit allen Sinnen auf und ahmt es nach. Somit sind wir mit unserem gesamten Tun und Handeln ein Vorbild für das Kind und wirken prägend bis in die körperliche Entwicklung des Kindes hinein.
Selbsterziehung
Wir betrachten Erziehung immer auch als Selbsterziehung. Unser Wille, ehrlich und geduldig an uns selbst zu arbeiten, im pädagogischen Handeln positive und ungeahnte Kräfte zu entwickeln, hat eine große Wirkung auf das Kind. Mit den uns anvertrauten Kindern sind wir Werdende. Wir streben an, uns so verhalten, dass sich das Kind neben uns selbst erzieht.
Schaffende Umgebung und freies Spiel
Wir sind am Tage mit einfachen, durchschaubaren Tätigkeiten in der Hauswirtschaft und im Garten beschäftigt. Hierzu gehören z.B. Handarbeiten, Reparatur bzw. Pflege von Spielzeugen, Vorbereitungen für Feste und vieles mehr. Unser tägliches Tun und die sinnvoll gestaltete Umgebung bilden einen Raum mit einer lebensnahen und spielförderlichen Atmosphäre, die zum Nachahmen anregt. Sie weckt im Kind die notwendigen Impulse, die meistens mit Freude und Lust verbunden sind und dem Kind im Spiel ein Gefühl der tiefen Befriedigung geben. sind einige von vielen Tätigkeiten, die im kindlichen Spiel wiederzuerkennen sind. Darüber hinaus zählen Bauarbeiten, Beweglichkeits- und Rollenspiele zu den üblicherweise zu beobachtenden Aktivitäten.Auch Lieder und Reime werden im Spiel wiedergegeben. Das Kind ergreift unsere Tätigkeiten und gestaltet sein Spiel aus der Nachahmung heraus noch ohne einen Zweck. Das freie Spiel ist für eine gesunde Entwicklung des Kindes unerlässlich, dessen Früchte sich zum Teil erst im Erwachsenenalter zeigen.
Natur
Das Draußensein in der Natur bildet einen festen Bestandteil unseres Kindergartentages. Mit Ehrfurcht begegnen wir dem jahreszeitlichen Geschehen, dem Wachsen und Vergehen, der Wärme und der Kälte, der Sonne und dem Regen. Bei jedem Wetter erlebt das Kind die Natur mit all ihren Facetten, begreift sie im eigenen Tätigsein und macht dabei die elementarsten Sinneserfahrungen. Im Spiel in der Natur findet die ursprüngliche Natürlichkeit des Kindes Resonanz und es kann eine Beziehung entstehen, die im späteren Leben des Kindes große Bedeutung trägt.
Rhythmus und Sinnespflege
In den ersten Lebensjahren ist das Kind darauf angewiesen, dass es in seinem zeitlichen Tagesgeschehen eine gewisse Ordnung vorfindet. In unserem Kindergarten erhält das Kind einen Rahmen, in dem wir ihm zum einen das freie Spiel als eigenen Ausdruck in seiner Umwelt ermöglichen und zum anderen Phasen geführter Struktur und Ruhemomente schaffen. So wechseln sich Freispielphasen (s. oben „freies Spiel“) mit gemeinsamen und angeführten Tätigkeiten, wie Aquarellmalen, plastizierendes Bienenwachskneten, Märchen- oder Geschichtenhören, Eurythmie, Frühstück oder Mittagessen, ab. Auch Rituale, wie das gemeinsame Gebet, das Lied oder der Spruch vor dem Essen, gehören zur rhythmischen Gestaltung.
Jeder Tag in der Woche weist seine Besonderheit auf, zum Beispiel wandern wir immer montags, malen am Dienstag Aquarellbilder, haben am Mittwoch Eurythmie, backen am Donnerstag Brötchen und turnen am Freitag an den Hengstenberggeräten. Das Kind erlebt so einen wiederkehrenden Wochenrhythmus, an dem es sich orientieren kann. Die Jahresfeste geben dem Jahr eine zeitliche Ordnung. Dieses Zeiterleben ist entscheidend für das Sicherheitsgefühl des Kindes, aus dem heraus es sich im Spiel auf die Welt einlassen kann.
Ruhezeit
Jeden Tag nach dem Mittagessen finden die Kinder im Schlafraum einen Ort der Stille, Ruhe und Geborgenheit. Hier können sie das Erlebte des Vormittags im Schlaf, im Dösen oder Ausruhen verarbeiten und daraus Kraft für den Nachmittag schöpfen.
Schutzraum
Das Kind findet in unserem Kindergarten den Raum, in dem es sein innewohnendes Potential entfalten kann. In Geborgenheit und Vertrautheit entwickelt es Basiskompetenzen, auf denen später schulische Bildung aufbauen kann.
Pädagogik in der Kleinkindgruppe
Hülle
In unserem Kindergarten erhält das kleine Kind den schützenden Raum, in dem seine freie Bewegungsentwicklung, sein freies Spiel und sein grundlegendes Bedürfnis nach Bindung Berücksichtigung finden. Dabei verbinden wir die Grundlagen der Waldorfpädagogik mit Elementen aus der Kleinkindpädagogik Emmi Piklers.
Nachahmung und Vorbild
In den ersten drei Jahren erwirbt das kleine Kind die drei grundlegenden Fähigkeiten des Gehens, des Sprechens und des Denkens. Eigene innere Gesetzmäßigkeiten, das innewohnende Potential und die Kraft der Nachahmung ermöglichen dem Kind diese grandiosen Entwicklungsschritte. Die direkte menschliche Umgebung des Kindes wirkt fundamental prägend auf seine gesamte Entwicklung. Somit tragen wir eine große Verantwortung als Vorbild für das Kind.
Haltung
Das tägliche Empfangen und Begleiten des kleinen Kindes ist von einer Haltung der Achtung und Ehrfurcht vor seiner sich entwickelnden Individualität durchdrungen. Auf dieser Basis ist es uns möglich, die vorhandenen Kompetenzen des Kindes zu respektieren, seine Autonomie zu berücksichtigen und ihm dabei die nötige Fürsorge und Pflege zu geben.
Beziehung und Eingewöhnung
Der Aufbau einer tragfähigen Beziehung bildet einen großen Anteil unserer Arbeit mit dem kleinen Kind. Dazu gehört die Eingewöhnungszeit mit einem Elternteil, das in unser Tagesgeschehen mit eingebunden wird und einen sicheren Hafen für das Kind bildet. Aus dieser Sicherheit heraus kann sich das kleine Kind ins Spiel begeben und Kontakt zu uns und den anderen Kindern aufnehmen. Die Eltern ziehen sich dann allmählich zurück, bis sie sich zunächst für eine kurze Zeit vom Kind verabschieden. Das Geschehen orientiert sich am Kind und erfolgt immer in Absprache mit den Eltern. Wenn beide, die Eltern und das Kind, das nötige Vertrauen zu uns aufgebaut haben, das Kind sich sicher und geborgen fühlt, ist das kleine Kind bereit, den Tag bei uns zu verbringen.
Beziehungsaufbau und Pflege
Die einvernehmliche Beziehung zum kleinen Kind bauen wir zum großen Teil in einer behutsamen und aufmerksamen Pflege an ihm auf. Unsere Aufmerksamkeit ist dabei völlig auf das Kind gerichtet, um auf die kleinsten Gesten und Äußerungen des Kindes eingehen zu können. So befinden wir uns in einem Dialog mit ihm, der es dem Kind ermöglicht, bei der Pflege mitzuwirken. Aus dieser persönlichen Zweierbeziehung heraus erfährt das Kind sich und uns als kooperativ und selbstwirksam. Ein Teil des Geschehens zu sein, erzeugt im Kind ein sicheres Selbstgefühl, aus dem heraus es sich ins freie Spiel begeben kann.
Freies Spiel
Das kindliche Spiel als kostbarsten Akt der Selbstbildung (R. Steiner) unterstützen wir, indem wir uns bewusst zurücknehmen. Das kleine Kind erlebt uns als tätige und fürsorgliche Erwachsene. Die Umgebung für das kleine Kind haben wir so gestaltet, dass es sich seinen Impulsen nach weitestgehend frei bewegen kann. Sie bietet Herausforderungen und Möglichkeiten des Ausprobierens. Die Spielmaterialien sind überwiegend natürlichen Ursprungs und ermöglichen dem Kind vielfältige Sinneserfahrungen. Bei der Spielzeit im Garten kommen die vielen elementaren Eindrücke aus der Natur hinzu, die sich mit den Jahreszeiten verändern. Unser Berg mit einem kleinen Tannen- und Kiefernwäldchen bietet den Kindern vielfältige Möglichkeiten der Bewegung, des Versteckens und Erkundens.
Struktur und Rhythmus
Wir haben einen fest geregelten Tagesablauf, der sich jeden Tag wiederholt. Das kommt dem Bedürfnis des kleinen Kindes nach Orientierung und Sicherheit nach. Der stete Tagesrhythmus gibt den kleinen Kindern die Gewissheit, dass alles seine Ordnung hat. Sie können mit der Zeit das Geschehen durchschauen und mitgestalten.
Tagesablauf in der Kleinkindgruppe
Der Tag beginnt am Morgen im Garten. Nach einer Zeit des Ankommens und Spielens frühstücken wir gemeinsam im Wichtelbauwagen. Wir stimmen uns auf die gemeinsamen Mahlzeiten immer mit einem jahreszeitgemäßen Lied, Vers oder Handgestenspiel und einem Tischgebet ein.
Danach gehen wir noch einmal in den Garten. Die Kinder gehen ihrem Spiel nach, schauen uns bei der Gartenarbeit zu und helfen auch gerne dabei. In kleinen Gruppen gehen wir nacheinander mit den Kindern in den Kindergarten und . Wir begleiten das Kind beim Händewaschen, zum Töpfchen, zur Toilette und unterstützen nach Bedarf beim An- und Ausziehen. Die kleineren Kinder erreichen den Wickelplatz über eine Leiter und werden dort von uns im gegenseitigen Einvernehmen (s. oben „Beziehungsaufbau und Pflege) pflegerisch versorgt. Parallel dazu spielen die Kinder im vorbereiteten Raum. Vor dem Mittagessen räumen wir auf und kommen während eines Handgestenspiels oder kleinen Schoßtheaters zur inneren Ruhe. Wir essen an zwei Tischen in kleinen Gruppen. Anschließend begleiten wir die Kinder in den Mittagsschlaf. Viele Kinder werden danach abgeholt. Am Nachmittag vespern wir und gehen noch einmal in den Garten.
Handgestenspiele von Wilma Ellersiek
Maßgeblich für die Sprachentwicklung des kleinen Kindes ist seine Fähigkeit, Rhythmen in der Sprache und Musik wahrzunehmen. Deshalb fließen Lieder, Verse und Sprüche in unser Tagesgeschehen mit ein. Insbesondere die Handgesten- und Berührungsspiele von W. Ellersiek fördern das Kind nicht nur sprachlich, sondern ganzheitlich in seiner Entwicklung, weil es sich in seinem ureigenen Rhythmus und verschiedenen Sinnen angesprochen fühlt. Sie werden zu unvergesslichen Gedächtnisschätzen, lange bevor der Inhalt verstanden wird.
Tagesstruktur
Der Tag beginnt in unserem Kindergarten mit den Frühstücksvorbereitungen. Je nach Wochentag backen wir Gerstenknäckebrot, Weizenbrötchen, kochen Hirsebrei und bereiten Hafer-Apfel-Müsli zu. Die Kinder spielen in der Zeit oder helfen mit.
Der gemeinsame Morgenkreis bildet unser Begrüßungsritual. Im anschließenden jahreszeitgemäßen Reigen singen wir Lieder und sprechen Verse, die wir mit rhythmischen Bewegungen und Gesten begleiten.
Während wir dafür sorgen, dass der Tisch schön gedeckt, Tee gekocht und Brot geschnitten wird, gehen die Kinder ihrem freien Spiel nach. Handarbeiten, Reparaturen, Vorbereitungen für die Jahresfeste und handwerkliche Tätigkeiten finden in dieser Zeit ebenfalls statt. Das anschließende gemeinsame Aufräumen beendet die Spielzeit.
Nach dem Frühstück gehen wir in den Garten und widmen uns den dort nötigen Arbeiten und bieten erneut Gelegenheit zu freiem Spiel. Das Draußensein und die Bewegung an der frischen Luft stellt einen unverzichtbaren Teil des Tages dar.
Vor dem Mittagessen erzählen wir den Kindern noch eine Geschichte oder ein Märchen. An einigen Tagen in der Woche spielen wir ein Puppentheater. Wir orientieren uns dabei an den Jahreszeiten.
Nach dem Mittagessen halten die Kinder eine Mittagsruhe, damit sie Kraft für den Nachmittag schöpfen können.
Bevor wir am Nachmittag noch einmal in den Garten gehen, nehmen wir eine Vesper zu uns.
Im Wochenrhythmus gibt es jeweils einen Tag, an dem wir mit Aquarellfarben malen, Wandern gehen, Eurythmie machen und barfuß an Hengstenberg-Geräten klettern. Das wiederholt sich jede Woche.
Die Kinder wissen mit der Zeit genau, was als nächstes kommt und können unbeschwert ihrem Spiel nachgehen und einfach „nur“ Kind sein.